Ein „Roter Hering“ des Computerschachs

Die mediale Präsenz des DGT Centaur stieg in den letzten Wochen so rasant an, dass auch ziemlich unbekannte Schach-Individuen sich dazu berufen fühlten, ein paar Partien gegen diesen Bestseller-Schachcomputer zu spielen. So auch der DWZ- und vereinslose spirituelle Lebensberater Hartmut H. aus Nürnberg. Waren wir zunächst fasziniert von seinen leichten Siegen die er online in seinem einsamen Kämmerlein gegen den DGT Centaur im Modus „Challenging“ erspielte, kam es schnell zur Ernüchterung, als Hartmut H. „seine“ Analysen zu diesen Partien veröffentlichte.

Man muss das Wort „seine“ in Anführungszeichen setzen, denn was er präsentierte, war nichts weiter als die automatische Vollanalyse des Fritz-Programms. Hierbei gibt man einfach eine gespielte Schachpartie in das Fritz-Programm ein, drückt ein Knöpfchen und kurze Zeit später spuckt Fritz eine eher unbrauchbare Analyse der Partie mit Hinweis auf Vorgängerpartien, Varianten und belanglosen Kommentaren aus.

Hartmut H. ergänzte diese automatisch erzeugten Analysen mit oberflächlicher Polemik. Er bezeichnet Züge des Centaur als lächerlich und bringt zum Ausdruck, mit welcher Leichtigkeit er doch den Centaur im Modus „Challenging“ bezwingen kann. Dabei schafft es Hartmut H. allerdings nicht, eine Stellung mehr als einen Zug tief zu analysieren. Seine Kommentierung ist daher an Oberflächlich- und Belanglosigkeit nicht zu überbieten.

Ich wollte es genauer wissen und habe Hartmut H. an einem Vormittag unter der Woche per Telefon aus dem Bett geklingelt. Auf seine Analysen angesprochen wurde sehr schnell klar, dass Hartmut H. von Schach wenig bis keine Ahnung hat. Die in „seinen“ Analysen automatisch von Fritz erstellten Varianten konnte er genauso wenig erklären, wie die gängige Eröffnungstheorie „seiner“ gespielten Varianten.

Roter Hering

Der Rote Hering. Hatte ich nach dem Lesen der Partie-Kommentare von Hartmut H. ziemliche Bedenken gegenüber seiner schachlichen Kompetenz, war ich mir nach dem Telefonat mit Hartmut H. ziemlich sicher, dass die von Hartmut H. gegen den Centaur gespielten Partien nicht so richtig zu seinem Schach-Skill passen. Vergleiche ich seine Äußerungen mit denen von einigen meiner Schach-Schüler, würde ich den DWZ- und vereinslosen Hartmut H. auf etwa 1100-1200 DWZ schätzen.

Der Modus „Challenging“ des DGT Centaur ist selbst für starke Vereinsspieler eine ordentliche Herausforderung. Die Leichtigkeit, mit welcher Hatmut H. den Centaur in diesem Modus bezwungen haben will, hatte noch nicht einmal unser Internationaler Meister Thomas Reich.

Wir haben Hartmut H. die Chance gegeben, bei uns im Schachcenter vor Ort gegen einen beliebigen DGT Centaur im Modus „Challenging“ fünf Partien zu spielen. Würde er auch nur eine Partie gewinnen, hätte er von uns ein Preisgeld in Höhe von 1000,-€ erhalten. Wir haben Hartmut H. dieses Angebot zugesendet und erhielten, wie wir es erwartet hatten, ziemlich skurrile Ausreden, warum er nicht bereit sei, live vor Ort gegen den DGT Centaur zu spielen.

Diese Ausreden passten überhaupt nicht zu den prahlerischen Äußerungen in seinen Partieanalysen. Man sollte meinen, dass jemand der mit solch einer Leichtigkeit gegen den DGT Centaur gewinnt, in Nürnberg ins Auto steigt, die etwa eine Stunde Fahrzeit in Kauf nimmt und sich die 1000,-€ abholen würde.

Anstatt sich wie ein Ehrenmann dem DGT Centaur vor Ort zu stellen, verbreitete Hartmut H. ein Gegenangebot über ein zwielichtiges Forum. Hierin teilte er unter anderem mit, dass er starker Raucher sei und am Brett quarzen müsste.  Ein Notar solle ebenfalls vor Ort sein und natürlich sollen die Partien live übertragen werden. Anders als in seinen beiden glorreichen Schnellschach-Online-Partien gegen den DGT Centaur, verlangte er zudem, dass 90 Minuten-Partien gespielt werden. Die Liste der Forderungen klang überhaupt nicht mehr nach dem Hartmut H., der in seinen Analysen den DGT Centaur als lächerlich bezeichnet hat. Per Mail haben wir dieses Gegenangebot nie erhalten. Seine Forderungen waren einfach nur infantil überzogen und dienten nur dem Zweck, nicht gegen den DGT Centaur live vor Ort antreten zu müssen.

Mehr Eier als Hartmut H. hatte die FIDE-Meisterin Anita Just, welche nicht lange fackelte, direkt anreiste und sich dem DGT Centaur stellte:

WFM Anita Just DGT Centaur

Echte Schachspieler haben keine Ausreden und setzen sich ans Brett. 😉

Bis bald

Euer Benny

PS: Updates zu diesem Thema findet ihr in den Kommentaren

8 Gedanken zu „Ein „Roter Hering“ des Computerschachs

  1. Nur meine ganz persönliche Meinung: Dieser Hartmut H. bietet „Kartengestützte Lebensberatung“ gegen Geld an. Jemand der so etwas anbietet hat bei mir seine Glaubwürdigkeit grundsätzlich und vollumfänglich verspielt.

  2. Hallo Ralf,

    ja, mit der Wahrheit nimmt es besagter Hartmut H. nicht so genau. In einem seiner endlosen Schwafeleien, welche er unter Seinesgleichen veröffentlicht, behauptet Hartmut H. nun, eine hohe ELO-Zahl zu besitzen. Offizielle ELO-Zahlen vergibt allerdings nur die FIDE und dort ist er nicht zu finden.

    Es wird aber noch besser 🙂 Er behauptet zudem, mal eine Ingo-Zahl von 110 besessen zu haben. Ich zitiere Hartmut H.:

    „Zu dieser Zeit war ich auch noch im Verein engagiert und hatte damals eine Ingo-Zahl von etwa 110 … Deswegen wird man von mir auch keine DWZ finden. Sie wurde vielleicht mal irgendwann von der damaligen Ingo-Zahl umgerechnet, aber irgendwann, wenn man lange genug nicht mehr im Verein spielt, wird man eben in den Listen nicht mehr geführt.“

    Tja, da hat der Hartmut H. falsch gedacht. Er hatte wohl gehofft, dass man seine Aussagen nach Jahrzehnten nicht mehr überprüfen könne. Was er nicht weiß ist die Tatsache, dass alle Daten von Schachspielern beim DSB für immer gespeichert werden. Wenn ein Schachspieler aus einem Schachclub austritt, ist er nur nicht mehr in öffentlichen Datenbanken zu finden.

    Ich bin im Besitz aller (Anfang der 50er bis Ende der 90er) vom DSB veröffentlichten ELO INGO Spiegel als durchsuchbare PDF Datei. Einen Hartmut H. (Name bekannt) konnte ich in keiner Ausgabe finden.

    Ich fragte nun offiziell bei der zuständigen Stelle an, ob es einen Hartmut H. geben würde, der mal eine Ingo-Zahl oder eine DWZ besessen habe. Als Antwort bekam ich Folgendes:

    „Hallo Benny,

    er (Hartmut H.) wurde letztmalig 1997 als Mitglied erfasst. Eine Ingo-Zahl bzw. DWZ besaß/besitzt er nicht“

    Soviel zur Glaubwürdigkeit des Hartmut H.

    Bis bald

    Euer Benny

  3. Hallo Benny,mit Interesse habe ich die Berichte über
    Schachpartien ernsthafter Schachspieler gegen den
    MiCentaur Schachcomputer gelesen.Gibt es Ergebnisse
    von der FIDE Meisterin Anita Just gegen den Centaur?Wenn ja,wo?
    Mit sympathischen Grüßen,,
    Hans-Jürgen Peter

    • Hallo HJ,

      Anita hat zwei Partien ohne Zeitkontrolle im Modus „Freundlich“ gegen den Centaur gespielt. Zweimal hatte Anita Weiß und beide Male kam die Italienische Eröffnung aufs Brett. Der Centaur wählte in beiden Partien unterschiedliche Abspiele. Die erste Partie ging nach einem Patzer von Anita im Endspiel Remis aus und die zweite Partie hat sie souverän gewonnen. Da Anita gegen den Centaur eine Vorbereitung gegen eine kommende Gegnerin ausgetestet hat, habe ich die Partien auf Anitas Wunsch hin nicht veröffentlicht.

      Gruß

      Benny

  4. Hallo Benny,

    mal sachlich gefragt: Da der Centaur ja adaptiv spielt, ist es – so wie ich es verstanden habe – doch egal, wie spielstark man ist.

    Sind nicht auch Konstellationen denkbar, in denen der Tester und Du subjektiv beide Recht haben können?

    Möglichkeit 1:
    Zwei Gewinne hintereinander bei zu wenig Spielen sind möglich.

    Möglichkeit 2:
    Da laut den mir vorliegenden Infos sowohl „Freund“ als auch „Challenging“ mit angepasster Spielstärke spielen: Könnte es da nicht sein, dass der Tester zurzeit eine Spielstärke besitzt, die mit den beiden adaptiven Modi nicht genau getroffen werden kann? (So wie eine Art „toter Winkel“ beim Autofahren.)

    Die bisherigen Informationen, die ich gelesen habe, habe ich so gedeutet:

    – Modus Freund -> Man kann einfach drauf losspielen und bekommt Aufgaben aufs Brett gestellt, die man auch mal nebenbei lösen kann.

    – Modus Herausforderung -> Man kann den Computer besiegen, aber man muss sich anstrengen.

    – Modus Experte -> Der Computer spielt mit voller Power.

    Sagen wir der Einfachheit halber mal, der der Computer spielt auf der Stufe Herausforderung 200 Elo besser als man selbst: Dann ist die Gewinnerwartung ca. 0,76 für den stärkeren Spieler und ca. 0,24 für den schwächeren Spieler.

    Bei einem Sieg aus 5 Spielen wäre doch die Chance groß, dass die 1000 Euro verloren sind und das – wegen der adaptiven Spielweise – unabhängig davon, wie stark der menschliche Spieler ist.

    Selbst bei 300 Elo Unterschied ist die Gewinnerwartung immer noch 0,85 zu 0,15 für den stärkeren Spieler. Die 0,15 liegen zwar schon unterhalb von 0,2 (= 1 gewonnenes Spiel von 5 Spielen), aber 1000 Euro zu setzen, ohne dass ich selbst etwas gewinnen kann, wäre mir immer noch zu heikel.

    Oder habe ich das mit der Spielstärkenanpassung nicht ganz richtig verstanden?

    Viele Grüße
    Beeco

    • Hallo Beeco,

      wenn man sich die beiden Partien von diesem Hartmut anschaut, sieht man schon recht gut, was für einen Unfug er getrieben hat. Während man im Modus „Friendly“ eine Gewinnchance von etwa 70% hat, sind die Gewinnchancen im Modus „Challenging“ schon wesentlich geringer.

      Der Centaur spielt im Modus „Challenging“ so gut wie immer auf einem Niveau von etwa 1800+ ELO. Den Charakter von Hartmut kann man sehr leicht durchschauen. Er hätte, wie jeder andere Spieler, zunächst gegen den Modus „Friendly“ spielen können, aber Hartmut wollte der „Held im Erdbeerfeld sein“ sein und gleich im Modus „Challenging“ loslegen.

      Ich habe ihm am Telefon Fragen zu seinen Partien gestellt und wollte wissen, welchen Plan er mit seinen Zügen verfolgt. Seine Antworten zeigten mir sehr schnell, dass er keine Ahnung von seinen eigenen Zügen hatte. Ich gab ihm einige Denkanstöße, wie beispielsweise das Entstehen von Felderschwächen, usw. – Davon hatte er keine Ahnung. Witzig ist, dass er nach unserem Telefonat seine stümperhaften Analyse-Kommentare in seinen Partien bearbeitet hat und versucht hat, die Infos die ich ihm am Telefon gab in seine Analysen einzubauen. Wirklich gelungen ist ihm das aber nicht.

      Auch zu den gespielten Eröffnungen habe ich ihm Fragen gestellt. Dabei ging es weniger um die in der Theorie verankerten Züge, sondern um wirklich einfache Eröffnungsprinzipien, welche selbst jeder 1500er kennt. Auch hier waren bei Hartmut so gut wie keine Kenntnisse vorhanden.

      Er argumentierte, dass er die Partie ja nicht ganz fehlerfrei spielte. Wenn man sich aber die/den Fehler in den Partien von Hartmut anschaut, merkt man sehr gut, dass hier jemand einfach mal ein paar Fehler einstreut, damit es nicht ganz so auffällig wirkt. Manche Manöver die er spielte, waren einfach zu tiefsinnig, sodass die paar schlechten Züge so gar nicht zu dem gespielten Konzept passen.

      Ich habe Hartmut auch auf die tiefsinnigen Manöver angesprochen und er konnte mir nicht erklären, welche Ideen er damit verfolgte.

      Stell Dir vor jemand sagt Dir, dass er gestern im Biergarten war und wenn Du ihn fragst, ob es im Biergarten geregnet hat, weiß er es nicht.

      Die von Hartmut gespielten Partien waren verdächtig. Seine anschließende Verhöhnung des DGT Centaur in seinen Partieanalysen gepaart mit belanglosen „wischiwaschi“-Kommentaren zu einzelnen Stellungen, ließen mich ernsthaft am Schachskill von Hartmut zweifeln. Nach dem anschließendem Telefonat mit Hartmut war ich mir 100% sicher, dass Hartmut nicht der Schachspieler ist, den er vorgibt zu sein. Hier war ich mir auch sicher, dass dieser Hartmut keine Live-Partien bei mir im Schachcenter spielen wird. Anschließend meinte Hartmut, dass er ja mal eine INGO-Zahl von 110 gehabt hätte. Das soll Jahrzehnte her sein. Was er nicht wusste ist, dass ich das selbst heute noch überprüfen kann. Und wie in einem anderen Kommentar von mir bereits mitgeteilt, ergab die Prüfung, dass Hartmut weder eine INGO-Zahl, noch eine DWZ jemals besessen hat.

      Damit schließt sich der Kreis.

      Jemand der keine Ahnung von Schach hat, kann gegen den Modus „Friendly“ des DGT Centaur gewinnen. Um aber gegen gegen den Modus „Challenging“ bestehen zu können, muss man schon ein guter Vereinsspieler sein. Hartmut hätte in fünf Partien gegen den Modus „Challenging“ keinen einzigen Punkt geholt. Wie gesagt, passt sich der Centaur auch in diesem Modus an den Spieler an, jedoch ist hier schon ein ordentlicher Schachskill die Voraussetzung.

      Als lizensierter B-Trainer arbeite ich mit vielen Schachspielern aller Gewichtsklassen zusammen und kann die Spielstärke von Schachspielern sehr gut einschätzen. Von Hartmut lagen mir die beiden Partien vor, seine Kommentierungen zu den Partien und das Telefonat. Mehr brauchte ich nicht um absolut sicher zu sein, dass er keine einzige Partie im Modus „Challenging“ live vor Ort gewinnen wird.

      Das er, wie bereits gesagt, weder eine INGO-Zahl, noch eine DWZ oder ELO besitzt, obwohl er das behauptet, ist in dieser Sache nur das i-Tüpfelchen.

      Gruß

      Benny

  5. Hallo Benny,

    gibt es schon Neuigkeiten zum DGT-Centaur mit Holzfigurensatz? Wann wird dieser verfügbar sein und zu welchem Preis?

    Grüße
    Lydia

    • Hallo Lydia,

      soweit ich weiß, wird es erstmal die Reisetasche für den DGT Centaur geben. Danach sind wohl die Figuren dran. Ich denke, dass das alles noch vor Weihnachten über die Bühne gehen wird. 🙂

      Gruß
      Benny

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