Selbstziehende Schachcomputer – Mehr Fluch als Segen

Selbstziehende Schachcomputer haben etwas Mystisches. Bereits in den 80ern gab es Schachcomputer, welche die Figuren auf dem Brett wie von Geisterhand zogen und auf den Spielwarenmessen für ungläubige Blicke sorgten. In meiner Schachcomputer-Sammlung findet sich zum Beispiel der Mephisto Phantom. Ein Gerät, welches Anfang der 90er auf den Markt kam und als einziges Gerät dieser Bauart eine recht passable Spielstärke aufweist. Mit etwa 1500 DM wurde der Schachcomputer seinerzeit angeboten und war damit kein Spaß zum Schnäppchenpreis, weshalb die Verkaufszahlen eher dürftig waren. Für 1500,-€ gab es damals schon Schachcomputer, welche zwar nicht die Züge auf dem Brett ausführten, aber dafür viel mehr Spielstärke und Komfort boten.

Die selbstziehenden Schachcomputer verschwanden vom Markt, bis die Firma Excalibur Anfang 2008 das Thema „selbstziehender Schachcomputer“ aufgriff und den Phantom Force Schachcomputer auf den Markt brachte. Mit ursprünglich gut 200,-€ Verkaufspreis ein wahres Schnäppchen, gegenüber den Geräten aus den 80ern und 90ern, aber leider wurde auch bei diesem Gerät nur eine maximale Spielstärke von etwa 1600 ELO geboten.

Phantom Force

Fast zeitgleich zog der damalige Hersteller NOVAG nach, und präsentierte den Schachcomputer Novag 2Robot. Mit einem Roboter-Greifarm ausgestattet, war auch dieses Gerät in der Lage, seine Züge am Brett selbst auszuführen. Auch dieses Gerät bestach durch einen sehr attraktiven Preis von knapp 200,-€.

Novag 2Robot

Und genauso wie beim Phantom Force der Konkurrenz, war die Spielstärke eher dürftig. Beide Schachcomputer hatten jedoch eine weitere Gemeinsamkeit. Sie verschwanden nach etwa 2 Jahren von der Bildfläche. Hin und wieder tauchte mal ein neuer Schwung von den Geräten auf, aber hierbei handelte es sich ausschließlich um Rest-Exemplare aus Lagerverkäufen der Hersteller. Die Verkaufszahlen beider Geräte waren ziemlich gut und nicht der Grund für das vorzeitige Verschwinden.

Der Knackpunkt war, dass beide Geräte absolut fehleranfällig waren und so gut wie jedes Gerät beider Marken kaum die Garantiezeit von 2 Jahren überlebte. Das hatte zur Folge, dass der Gewinn den die Hersteller mit den guten Verkaufszahlen einfuhren, durch Garantie-Reparaturen und Gerätetausch sich schnell in Luft aufgelöst hat und am Ende in einem finanziellen Desaster gipfelte.

Schuld für das frühzeitige Ableben der Geräte war nicht die eingesetzte Technik, sondern deren Umsetzung. Um den Kampfpreis von knapp 200,-€ zu halten, musste an allen Ecken und Enden gespart werden. Einen Schachcomputer zu produzieren der über Jahrzehnte seinen Dienst verrichtet, ist nicht unmöglich, aber sobald Mechanik die sich bewegt ins Spiel kommt, sieht die Sache etwas anders aus.

Beim Phantom Force setzte man auf die Magnet-Schienen-Technik. Hierbei befindet sich unterhalb des Schachbretts ein Magnet, welcher über zwei Riemen auf zwei Schienen entlang gezogen wurde und dadurch die Figuren auf dem Brett ziehen konnte. Verschleiß war praktisch vorprogrammiert. Selbst Jahre später suchen mich Schachcomputer-Sammler für eine Reparatur dieser Geräte auf und ein Blick ins Innere offenbart sehr schnell, dass es dem Hersteller durchaus bewusst sein konnte, dass die Lebensdauer des Phantom Force ziemlich begrenzt ist.

Schachcomputer Phantom Force

Was sich im Inneren des Phantom Force befindet, sieht schon ziemlich abenteuerlich aus, aber es funktionierte. Aber werfen wir einfach mal einen Blick auf ein wesentliches Detail.

Schachcomputer Phantom Force

Wir sehen hier die sogenannte Spannfeder, welche dafür sorgt, dass die Schienen und der Magnet nicht durch wackelige Riemen aus dem Gleichgewicht geraten. Man findet diese Art von Federn auch in Kugelschreibern, aber anders als bei diesen Schreibutensilien, ist diese Feder beim Phantom Force ständig unter Spannung. Es ist klar, dass witterungsbedingt und auch durch die ständige Verwendung des Schachcomputers diese Feder nicht ewig halten wird. Zudem reagiert diese Feder auf Erschütterungen ziemlich sensibel und es reichte bei manchen Geräten ein kurzes Schütteln aus, um bei dem Schachcomputer einen dauerhaften Defekt zu erzeugen. Hier hatte der Hersteller aber mitgedacht und unterhalb des Gerätes einen Schalter platziert, mit welchem man die Schienen für den Transport fixieren konnte. Wollte man anschließend mit dem Gerät spielen, musste man die Fixierung lösen.

Vergaß man das Lösen der Fixierung vor dem Starten einer Schachpartie, gab es für den Anwender bereits beim ersten Zug ein böses Erwachen. Nicht bei allen, aber bei vielen Geräten führte alleine dieser Lapsus zum dauerhaften Defekt. Auch ist es so, dass die meisten dieser Schachcomputer in einem Kinderzimmer ein neues Zuhause fanden und das Kinder mit ihrem Spielzeug nicht immer ganz so sorgsam umgehen, ist bekannt. Ein kurzer Klappser nach einer verlorenen Partie auf eine der Kunststoff-Seiten des Phantom Force quittierten viele Geräte mit Dauerstreik.

Kommen wir zum Novag 2Robot. Auch hier war der „niedrige“ Preis nur möglich, indem man auf „günstige“ Verarbeitung setzte. Bei einem beweglichen Roboterarm, welcher punktgenau Figuren auf einem Schachbrett ziehen muss, eine ziemlich mutige Aufgabe.

Novag 2Robot

Komplett aus Kunststoff gefertigt, ist dieser Roboterarm eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Bevor der Novag 2Robot eine Partie startet, justiert er den Greifarm. Im Falle von Fehlern kann man den Schachcomputer auch mit einer Tastenkombination zur kompletten Neu-Justierung des Roboterarms animieren. In der Praxis hat dies jedoch so gut wie nie funktioniert. Viel zu einfach kann man den Roboterarm auch im ausgeschalteten Zustand bewegen, was zwangsläufig dazu führt, dass das Gerät diesen Arm nicht mehr justieren kann. Während der Roboterarm ziellos übers Schachbrett wandert, weigert er sich komplett, seine Greifhand auszufahren. Ein typischer Defekt.

Novag 2Robot

Es hat schon seinen Grund, warum Industrie-Roboterarme ein kleines Vermögen kosten. Bei Industrierobotern ist es praktisch unmöglich, die mechanischen Bauteile im ausgeschalteten Zustand zu bewegen. Bei Novag 2 Robot wäre ein Industrie-Standard sehr schön gewesen, aber dann hätte der Schachcomputer viele tausend Euro im Verkauf gekostet.

Einige Jahre später fand die beim Phantom Force verwendete Technik dann erneut Einzug in den Schachmarkt. Mit Square Off wurde ein weiterer selbstziehender Schachcomputer entwickelt, welcher die Technik des Phantom Force verwendet. Preislich in der oberen Mittelklasse vertreten, besticht der Square Off Schachcomputer durch seine Anbindung an Onlinespielen und war am Anfang ein absoluter Renner. Nun sind seit der Veröffentlichung einige Jahre ins Land gegangen und mittlerweile gibt es auch bei diesem Gerät recht viele Reklamationen auf Grund von Defekten in der Zugausführung. Hier muss man dem Team hinter Square Off allerdings Lob aussprechen, denn es wird weiter an Verbesserungen gearbeitet. So ganz in den Griff wird man das Problem mit dem Verschleiß der Mechanik aber nicht bekommen. Solange sich etwas mechanisch bewegt, wird es immer Verschleiß geben.

Vor ein paar Monaten sollte dann der Durchbruch erfolgen. Ein selbstziehendes Schachbrett, welches ohne Mechanik auskommt und die Züge alleine durch das Vorhandensein von Elektromagneten auf dem Schachbrett ausführt. Klingt zu schön um wahr zu sein und so war es dann auch 🙂

Für die Firma DGT habe ich versucht, die Technik nachzubauen und einen Prototypen zu erstellen, der mittels Elektromagneten Züge auf einem Schachbrett ausführen kann. Ja, es ist möglich, aber niemand will an einem Schachbrett spielen, welches knapp 20 Zentimeter hoch ist. Man könnte hier mit Sicherheit weiter forschen und die Ergebnisse verbessern, aber hierbei stellt sich am Ende die Frage, was ein Schachspieler bereit ist, für ein solches selbstziehendes Schachbrett auszugeben. Aus Herstellersicht macht es keinen Sinn, wenn sich die Entwicklungskosten eines solchen Gerätes erst nach 20 Jahren einspielen.

Trotzdem wird natürlich von vielen Herstellern weiter geforscht und eventuell geht dieser Traum dann doch noch irgendwann in Erfüllung.

Solange selbstziehende Schachcomputer mechanische Bewegungen auf Basis von Magnet-Schienen und Roboterarmen aus Kunststoff ausführen, bleiben diese mehr Fluch, als Segen.

Bis bald

Euer Benny

 

4 Gedanken zu „Selbstziehende Schachcomputer – Mehr Fluch als Segen

  1. Sehr interessanter Artikel über selbstziehende Schachcomputer mit Roboterarm.
    Ein weiterer Grund, warum sich das Geschäft mit solchen Geräten wohl niemals lohnen wird, ist die extreme Pingeligkeit der Menschen heutzutage: Ein winziges Kratzerchen an der Ecke hinten unten, und das Gerät wird kostenintensiv zurückgeschickt.

    • Hallo Tom,

      Danke für Deinen Input. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch über die kuriosesten Kundenbeschwerden 🙂 Wenn allerdings ein selbstziehender Schachcomputer plötzlich nicht mehr die Figuren zieht, ist das schon ein Mangel den man reklamieren kann. Es gab aber auch mal einen Kunden, welcher gewichtete Figuren gekauft hat und diese nachgewogen hat. Eine Figur wog genau 2 Gramm weniger, als angegeben. Hier kam direkt der Vorwurf, dass man da mit Absicht gespart hat.

      Gruß

      Benny

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