Turbo für Schachcomputer aus den 90ern

Vor nicht allzu langer Zeit starteten die beiden Schachcomputer-Freunde Roland Langfeld und Jürgen Müller ein recht aufwendiges und ambitioniertes Projekt, mit dem Ziel, Schachcomputer aus den 90ern einen ordentlichen Geschwindigkeitsschub zu geben. Beide entwickelten und bestückten hierbei eine Platine, welche den in den 80ern und auch 90ern populären Microprozessor 65C02 emuliert und 8-Bit-Programmen eine Rechengeschwindigkeit von bis zu 100 Mhz erlaubt. Im Original arbeitet der Prozessor nur in Bereichen zwischen 2 und 14 Mhz.

Microprozessor 6502 65F02

Der Original 6502 im Vergleich zum neuen 65F02

Der im Bild gezeigte 6502 unterscheidet sich vom 65C02 nur marginal (einige Fehlerkorrekturen und zusätzliche Befehlssätze).  Bei dem neu entwickelten 65F02 handelt es sich um eine FPGA-basierte Prozessoremulation, die Pin-kompatibel zum 65C02 ist, intern aber mit 100 MHz läuft. Diese 65F02 Prozessoreinheit kann derzeit folgende Schachcomputer auf 100 MHz beschleunigen:

▪ Mephisto Modular II & B&P
▪ Mephisto Rebell 5.0
▪ Mephisto Modular IV & V, Rebel Portoroz (MM X)
▪ Mephisto Polgar
▪ Mephisto Milano & Nigel Short
▪ Novag Constellation Forte A/B
▪ Novag Super Constellation

Der Austausch des Prozessors bereitet keinerlei Probleme und es ist zum Betrieb auch kein spezielles Netzteil erforderlich. Je nach Schachcomputer, müssen jedoch zuvor die auf der Platine vorhandenen Dip-Schalter in die richtige Position gebracht werden. Beim Mephisto Polgar ist dies beispielsweise die Einstellung 1100.

Zukünftige Updates lassen sich über einen USB-Adapter einspielen:

USB Adapter 65F02

Einfach anstecken und der 65F02 kann mit einem lokalen PC (vorzugsweise mit Linux-Betriebssystem) verbunden werden.

USB_Adapter 65F02 angesteckt

Die bisherigen Platinen wurden per Hand gefertigt und befinden sich im Testbetrieb. Die ersten Ergebnisse sorgten für sehr viel Begeisterung in der Schachcomputer-Szene, woraufhin Roland die Idee hatte, diese Entwicklung in eine kleine Serienproduktion fließen zu lassen und als Hobbyprojekt zum Selbstkostenpreis an Interessenten weiterzugeben. Mancher Schachcomputerfreund äußerte, dass eine Serienproduktion von 100 Stück nicht ausreichen würde, um die Nachfrage zu stillen. Eine äußerst optimistische, jedoch eher marktfremde Behauptung.

Bei diesem Produkt handelt es sich um ein Nischenprodukt in der Nische und wäre, wenn es kommerziell entwickelt worden wäre, unbezahlbar. Roland Langfeld und Jürgen Müller müssen an die hundert unbezahlte Stunden investiert haben, um dieses Projekt zu verwirklichen. Sowohl das Platinendesign, als auch die Usability des Endproduktes lassen erkennen, dass wir es hier mit zwei Profis zu tun haben.

Die Euphorie der Interessenten mündete jedoch zum größten Teil nur in Forderungen an Roland, hier und da noch etwas zu ändern und für zusätzliche Kompatibilität von Lieblings-Schachcomputer einzelner Interessenten zu sorgen. Gleichzeitig soll noch Hilfe beim Einbau gegeben werden und im Garantiefall natürlich Ersatz bereitstehen. So etwas erlebt man wirklich nur in der Schachcomputer-Szene 😉 Auf der einen Seite (Roland & Jürgen) soll ein Hobbyprojekt zum Selbstkostenpreis weitergegeben werden und auf der anderen Seite erreichen die Ansprüche vieler Interessenten das Niveau eines kommerziellen Produktes.

Von den zu Anfang noch zahlreichen Interessenten blieben nicht einmal eine handvoll übrig, welche bereit waren, dieses grandiose Projekt zu unterstützen. Für eine maschinell gefertigte Serienproduktion sind mindestens 20 Schachfreunde nötig, deren Interesse an diesem Produkt nicht nur verbal vorhanden ist. Ich finde es schade, dass die Leistung und Arbeit die sich Roland und Jürgen mit der Umsetzung gemacht haben, nicht wirklich gewürdigt wird.

Ob es tatsächlich zu einer Serienproduktion kommen wird, steht in den Sternen. Ich weiß, dass viele meiner Leser Sammler von Schachcomputern sind und auch begeisterte Schachspieler. Welcher Besitzer eines Novag Super Constellation träumt nicht davon, diesen Schachcomputer mit einem der wohl interessantesten Schachprogramme auf 100Mhz zu Leistung zu heben?

Sollte der Eine oder Andere nun Lust bekommen haben seine Sammlung um ein weiteres Kapitel Schachgeschichte zu erweitern, dann einfach bei mir melden. Ich habe in diesem Artikel bewusst auf die Angabe des Selbstkostenpreises verzichtet, da dieser in Abhängigkeit zur Menge einer Serienproduktion steht. Aber eines ist sicher, je mehr Schachfreunde das Ding haben wollen, desto günstiger wird es. 🙂

Roland und Jürgen haben viel Schweiß in die Sache gesteckt und die Schachcomputer-Szene mit diesem genialen Projekt bereichert. Jetzt sind wir am Zug.

Bis bald

Euer Benny

 

 

24 Gedanken zu „Turbo für Schachcomputer aus den 90ern

  1. Hey, 🙂 das ist doch mal was für mein Rebel Modul! Also mich könnt ihr gerne auf die Liste der Interessenten mit rein nehmen. Ein paar Freunde von mir werden da bestimmt auch zugreifen.

  2. Jou Benny! Find ich gut, dass du dich für die Sache einsetzt. Roland und Jürgen sind für mich jetzt schon Helden und ich will natürlich auch so ein Teil.

    Chris

    • Ja, die beiden sind schon richtig genial. Jürgen und Roland machen das tatsächlich nur als Hobby und haben sich unzählige Stunden in die Materie hineingearbeitet.

      Mich persönlich würde interessieren, ob dieser 65F02 auch in Geräten wie dem Apple II, Atari 800, BBC Micro und dem Commodore VC 20 funktionieren würde.

      Man stelle sich vor, einen Apple II mit 100 Mhz 😀

      Benny

      • Jürgen hier, einer der beiden Entwickler. Vielen Dank allseits für das Interesse an unserem Projekt und die netten Kommentar!

        Der Apple II läuft schon mit 100 MHz, inclusive Diskettenbetrieb unter DOS. (Was trickreich war; der gute Woz hat ja viel Hardware eingespart, indem er das Timing für zeitkritische Operationen via Assembler-Code definiert hat. Man darf also nicht alles beschleunigen, und die 100 MHz-CPU erkennt automatisch, wo es zeitkritisch wird.) Der Apple II war mein erster Computer, der lag mir also am Herzen! 🙂

        Auch der CBM 8032 (und seine kleineren Geschwister ab PET 2000) werden unterstützt. Andere 6502-Rechner wie der BBC Micro und VC20 könnten auch noch gehen. Wenn in der Rechner-Schaltung zu viel mit Speicher-Bankumschaltung, Umschaltung der Lage des Grafikspeichers etc. getrickst wird, stoßen wir aber an Grenzen.

        • Echt? Du hast nen Apple II mit 100 Mhz? Jetzt werde ich blass vor Neid. Der Aufwand muss um Einiges höher gewesen sein, als bei den Schachcomputern.

          Ich bin ja auch vom Fach was Elektronik betrifft, aber was Du machst ist ein komplett anderes Level. Für mich bist Du ab sofort die FPGA-Elite 😀

          Benny

  3. Das ist ja mal endgeil 🙂 8 Bit Programme mit 100 Mhz! Besser als jede Diplomarbeit. Ich bin auch dabei. Genau das Richtige für meinen Polgar. Wie ist das eigentlich dann mit der ELO Einstellung? Wenn ich auf 1500 einstelle, spielt der dann immer noch wie 1500?

    Daumen hoch für diese tolle Sache. 🙂

    Der Schmitti

    • Hallo Schmitti,

      die eingestellten 1500 ELO werden auch nach dem Speed-Up auf 1500 ELO gespielt. Durch die 100 Mhz bleibt das Programm ja gleich. Es wird nur schneller 🙂

      Gruß

      Benny

  4. Ich hab in dem anderen Forum mal quergelesen. Auweia! Da wurde Roland ja richtig übel angegangen. Anstatt dem Roland einfach diskret eine Nachricht zu schicken, haben ihn Warnemünde und Völschow öffentlich degradiert.

    Der Troll Hartmut flamed auch mal wieder voll ab. Die sollen lieber froh sein, daß durch deinen Artikel vielleicht doch noch eine Serienproduktion möglich ist.

    Eine Frage hab ich noch. Funktioniert der 65F02 auch, wenn man das HG550 Eröffnungsbuch mit dem MM V benutzt?

    • Hallo Gonzo,

      in dem Völschow+Warnemünde-Forum gibt es zum Glück auch anständige Leute. Hetzer wie Hartmut sind da nur eine kleine plärrende Randerscheinung ohne Rückgrat. Wenn schon Völschow und Warnemünde keine soziale Kompetenz haben und beim Hetzen ordentlich mitmischen, ist das natürlich ein Sammelbecken für Trolle.

      Nun aber zu Deiner Frage. Ich denke mal, dass das mit dem HG550 problemlos funktioniert. Getestet habe ich das nicht, aber rein von der technischen Seite sehe ich hier kein Hindernis. Ich gebe die Frage aber gerne weiter.

      Benny

      • Ja, die Eröffnungs-Module werden unterstützt. Das hat uns anfangs tatsächlich einige Probleme bereitet: Durch den langen Adress- und Datenbus sind die Signalpegel kritischer als für das Ansprechen des normalen Programm-ROMs. Aber die aktuelle Version der 65F02 bekommt das sauber hin.

        • Das finde ich ja super das sich einer der Entwickler hier direkt zu Wort meldet. Da kann ich dir direkt mal vielen vielen vielen Dank sagen.

          Ich kenne mich mit so technischen Sachen wie Signalpegel und so überhaupt nicht aus. Ich finde es aber eine Wahnsinnsleistung was du und Roland da gemacht habt. Für meinen MM5 mit dem HG550 werde ich mir eure Platine holen.

          Benny hat mich angeschrieben und gesagt, daß er die Anfragen alle weiterleitet. Macht euch keine Hektik. Wenn die Serienproduktion erst in ein paar Monaten kommt, ist daß vollkommen in Ordnung. Hauptsache es kommt irgendwann.

          Ihr beiden seid echt cool!

          • Vielen Dank für euer Lob hier in diesem Blog !

            Zum CBM8032 ist noch zu sagen, meiner läuft mit 100 MHz, auch die Cassettenroutinen und die IEEE-Schnittstelle zur 8050 funktionieren. Gelistete Programme werden nicht über den Bildschirm gesrollt, sondern geflasht 🙂 Und die Rechengeschwindigkeit ist 100fach !
            Was (noch) nicht geht sind ZusatzROMs. Ich habe Extrabasic, das patcht die I/O-Routinen und da hängt es dann. Aber man kann ExtraBasic ja vorübergehend deaktivieren…

            Gruß
            Roland Langfeld

    • Der Chip ist mit den im Artikel beschriebenen Programmen sofort lauffähig. Sollten wir neue hinzufügen, *dann* braucht man den Adapter zum Aufspielen der neuen Version.

      Roland Langfeld

    • Das müsste man ausprobieren. Primär ist die 65F02 ja dazu gedacht, Schachcomputer zu beschleunigen, die nicht bereits getuned sind.

      Die 65F02 läuft intern stabil mit 100 MHz, muss sich bei der Kommunikation mit dem Schachcomputer aber an dessen Takt anpassen. Das haben wir bisher mit Taktraten von 1 MHz bis 6 MHz getestet. Mit schnelleren Host-Rechnern wird das Timing enger — kann funktionieren, muss aber nicht; das hängt auch vom Schaltungsentwurf des jeweiligen Schachcomputer ab.

  5. Moin Moin aus dem Norden. Ich hab mir die Platine auf den Bildern angeschaut. Wie kann man sowas per Hand löten? Hat man da einen Lötkolben der nicht größer ist als eine Stecknadel? Von der ruhigen Hand die man braucht mal ganz abgesehen. Ich bin erstaunt, was alles möglich ist.

    • Es wird zunächst Lötpaste auf die Platine aufgetragen, mit einer Schablone, die genau die Lötpads ausspart und vom Platinenhersteller mitgefertigt wurde. Dann die Bauteile mit Pinzette und Stereolupe plaziert, und anschließend die komplette Platine im Ofen (Oberseite) bzw. mit einem Heißluft-Lötkolben (Unterseite) verlötet.

      An die 225 Lötstellen unter dem FPGA-Chip kommt man ja überhaupt nicht dran, das geht also nur im Ofen. Einen konventionellen Lötkolben verwende ich nur für die 40 Pins, die am Schluss eingelötet werden, und für Nacharbeiten/Rearaturen falls nötig.

  6. Pingback: Update zum 65F02 Turbo für 8-Bit Schachcomputer - Schachcomputer Topschach.de

  7. Hallo,

    Jürgen und ich möchten uns als Entwickler über diesen Blog mit einem Kommentar an alle wenden, die uns in ihren Kommentaren ermutigt und unterstützt haben:

    Erstmal Dank an Benny, der unser Projekt hier so positiv und enthusiastisch vorgestellt hat und uns mit Rat und Tat unterstützt !

    Wir werden allen, die uns über Benny oder auf anderem Weg ihre eMailadresse zukommen lassen, darüber informieren, ob und wann wir eine Kleinserie auflegen.

    Um Enttäuschungen zu vermeiden, ein paar Infos

    Wir haben das ganze aus Lust an der Freude begonnen, um ein paar unserer Computer zu beschleunigen. Wir machen dass aus Spass und reinem Hobby, und das wollen wir auch nicht ändern ( den Spass). Mittlerweile sind 9 handgefertigte Exemplare in den Händen von engagierten Testern, und erste Berichte über Partien sind in einschlägigen Foren veröffentlicht. Und trotz aller Differenzen möchte ich dem Forum schachcomputer.info danken, dass z.B. die vielen Partien von mclane dort veröffentlicht und diskutiert wurden !

    Aber die 9 Tester finden auch viele kleine und größere Probleme und Bugs. Die einzelnen Schachcomputer/Brettkombinationen sind so vielfältig, dass immer wieder Probleme gelöst werden müssen.
    Dabei zeigt sich auch, dass unser Chip, so gut er auch funktioniert, kein fertiges plug-and-play Produkt ist, sondern ein Experiment. Anwender brauchen ein gewisses Maß an technischer Kenntnis und müssen im Problemfall auch mal eine Messung machen können – das können wir nicht von Jedermann erwarten.

    Jürgen und ich haben jetzt mit den Verbesserungen alle Hände voll zu tun und wir werden erstmal keine weiteren Testchips verteilen. Wir packen die Betreuung einfach nicht, wir müssen beide in einem regulären Beruf noch Geld verdienen. Wir brauchen jetzt erstmal ein paar Wochen, um alle Restfehler zu beseitigen, unsere Tester zu betreuen und abzuschätzen, ob wir guten Gewissens in eine kleine Fertigung „für Jedermann“ gehen können, oder ob es ein Bastelprojekt für engagierte Computerbastler bleibt. Bitte habt dafür Verständnis, danke !

    Wir halten euch informiert !

    Gruss
    Roland und Jürgen

    PS: und noch eine Bitte: lasst uns nur über Technik (den Chip) diskutieren, nicht über Personen !

    • Hallo Roland und Jürgen,

      Danke für das informative und gute Statement. Auch von meiner Seite aus kann ich den erheblichen Aufwand den mclane beim Testen und Veröffentlichen von Partien betreibt, einfach nur loben. Von dieser freiwilligen Arbeit aller Tester profitiert am Ende jeder zukünftige Besitzer eines 65F02.

      Gruß

      Benny

  8. Hallo mit großen Interesse habe ich ihren Artikel gelesen, und als Besitzer eines Super Conny’s würde ich gerne einen solchen Prozessor erwerben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas Niermeyer

    • Hallo Thomas,

      vielen Dank für Deine Anfrage, welche ich direkt an Roland und Jürgen weitergeleitet habe. Sie werden sich bei Dir melden.

      Gruß

      Benny

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